Besuche zum Holocaustgedenktag in Kiew/Ukraine

Einsatz in Kiew / Ukraine bei Überlebenden der Shoah aus Anlass des Internationalen Holocaustgedenktages und des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 2015

Tröstet, tröstet mein Volk! (Jesaja 40,1)

 

Begegnungen mit Holocaustüberlebenden in der Synagoge von Kiew
Begegnungen mit Holocaustüberlebenden in der Synagoge von Kiew

Ende Januar verbrachte ein Ebenezer Team unter der Leitung von Matthias Müller einige Tage in Kiew, um Holocaustüberlebende zu besuchen. Sascha und Sveta fuhren uns (Matthias mit Sohn Nathanael und Leonard , Jan mit Freund Uwe, Wilfried, Angelika und Übersetzerin Marina) treu kreuz und quer durch Kiew. Höhepunkt war ein Treffen mit 45 Überlebenden in der Synagoge, die wir mit einem koscheren Essen, liebevoll gestalteten Kärtchen mit Bibelversen, kleinen Ansteckern und viel Liebe willkommen hießen. Viele erzählten ihre erschütternde Lebensgeschichte. Die Verzweiflung war spürbar, nach 70 Jahren nun wieder einen Krieg erleben zu müssen, zuzusehen, wie die Enkelsöhne ihre Familien verlassen müssen. Sie freuten sich sehr, dass wir da waren.

Hausbesuche bei Überlebenden der Shoah
Hausbesuche bei Überlebenden der Shoah

Dr. Boris Zabarko, Leiter des Holocaustüberle-bendenverbandes der Ukraine sowie sein Stellvertreter Wassilij gaben uns Adressen von Juden, die nicht in die Synagoge kommen konnten. So konnten wir einige Hausbesuche machen. Unser erster Besuch war sehr erschütternd. Nach einem übelriechenden Treppenhaus empfingen uns Max und seine Frau Sima in einer überfüllten Wohnung. Max konnte nicht mehr gut sprechen, so erzählte uns Wassilij seine Lebensgeschichte: Max war acht Jahre alt, als in seinem kleinen Dorf in der Ukraine alle Juden zusammengetrieben und vor einer extra dafür ausgehobenen Grube stehend erschossen wurden. Seine ganze Familie wurde ermordet. Auch Max bekam eine Kugel in den Rücken, in die Wirbelsäule. Er fiel auf die Leichen, war aber nicht tot. Als später die Grube mit Erde bedeckt wurde, merkten die Männer, dass er noch lebte und schoben ihn immer weiter bis ans Ende der Grube. Schließlich hoben sie ihn heraus und übergaben ihn einer ukrainischen Familie, die ihn gesund pflegte. Er arbeitete später als Gärtner, heiratete Sima und bekam einen Sohn.
Die Schmerzen und körperlichen Einschränkungen durch die Verletzung der Wirbelsäule waren aber immer präsent. Durch die schwere Arbeit wurden die Beschwerden schlimmer, bis er fast nicht mehr laufen konnte. Nun hat er seit über 30 Jahren (!) seine Wohnung nicht mehr verlassen können. Diese Not, die Verzweiflung, ist fast greifbar, als wir ihn besuchen. Dank der Hilfe der Chessed, einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation, sind Max und seine Frau mit Essen und Medikamenten versorgt. Die Anwesenheit von dem 8-jährigen Nathanael freut ihn und wühlt ihn auf, hat er doch genau das Alter, als das Leben von Max völlig aus den Fugen geriet. Und nun sitzt ein kleiner deutscher Junge vor ihm und lächelt ihn schüchtern an. Wir geben ihm ein Lebensmittelpaket und singen ein Lied. Wieder draußen sind wir sprachlos, beten einfach, dass wir doch etwas Licht bringen konnten, dass Trost und Hoffnung vom Gott Israels in den Herzen von Max und Sima zurückbleiben.

Kiew 3
Auf dem Weg zu Besuchen