„Puzzlesteine“: Alijah aus der Ostukraine

Welche Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unaufspürbar seine Wege! … Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen. (Römer 11,33-36)

Rebecca war vom 26. bis 30. September im Auftrag von Ebenezer Deutschland in

Rebecca während ihres Besuches in Dnjepropetrowsk
Rebecca während ihres Besuches in Dnjepropetrowsk

Dnjepropetrovsk/Ukraine und begleitete im Anschluss eine Gruppe Ausreisender auf dem Flug nach Israel. Sie berichtet über ihren gemeinsamen Besuch mit Hinrich Kaasmann und unseren Partnern, Lena & Igor:

Reisetaschen im Flughafen
Reisetaschen im Flughafen

Flughafen Dnjepropetrowsk, Ukraine: Überall stehen karierte Vinyltaschen. Die Atmosphäre ist gespannt, erwartungsvoll, Abschiedsschmerz und Freude auf das, was kommt, sind nah beieinander. Hier hält eine Großmutter ihr kleines, schlafendes Enkelkind auf dem Arm, der Opa küsst es zum Abschied, die junge Mutter wischt sich Tränen aus den Augen: Die Großeltern sind auf dem Weg nach Israel und werden die kleine Enkeltochter erst einmal nicht mehr sehen. Dort sitzt die alte, gebrechliche, weit über 80-jährige Professorin in ihrem Rollstuhl und hat offensichtlich starke Schmerzen. Auch sie macht sich auf die nächtliche Reise nach Tel Aviv. Im Hintergrund zwei junge Frauen, die fröhlich lachen. Für sie ist Israel nur einen kurzen Flug entfernt und nicht eine andere Welt. Ihre Chancen, dort Fuß zu fassen und ein gutes Leben zu haben, sind ideal. In einer Ecke beten schwarz gekleidete ultra-orthodoxe Juden. Diese Vielfalt ist ein so typisches Bild für die bunte israelische Gesellschaft.

Das Einsteigen ins Flugzeug ist laut und wuselig. Der Vater auf Sitzplatz 5D übt schon hebräische Vokabeln. Seiner kleinen Tochter fehlt der linke Arm. Der Rollstuhl mit der alten Dame wird über den hinteren Eingang ins Flugzeug gebracht. Endlich heben wir ab, viele Passagiere klatschen. Die Atmosphäre scheint entspannter, gelöster, es geht der neuen Heimat entgegen! Heute Nacht sind es etwa 40 Olim, die für sich und ihre Familien im krisengeschüttelten Osten der Ukraine keine Zukunft mehr sehen und sich für ein neues Leben in Israel entschieden haben. Die Anzahl der Ausreisenden hat in den letzten Monaten deutlich zugenommen. Es scheint, als habe die „Zeit der Jäger“ (Jer 16,16) begonnen. Viele lassen ihre Wohnungen und Habseligkeiten zurück und verlassen in kürzester Zeit das Land.

Die letzten Tage waren voller Geschichten und Begegnungen. Puzzleteile, von denen Gott jedes einzelne auf erstaunliche Art und Weise zusammenfügt. Im „Marschrutka“-Kleinbus geht es am Sonntagmorgen auf die fast fünfstündige Überlandfahrt von Tscherkassy nach Dnjepropetrowsk. Das Wetter ist herrlich, Spätsommer, die ukrainischen Straßen haben sich seit meinem ersten Besuch vor 14 Jahren nicht bemerkenswert verändert…

Das Ebenezer-Team im Gespräch u.a. mit Nathan Sharansky
Das Ebenezer-Team im Gespräch u.a. mit Nathan Sharansky

Ich werde von Lena und Igor, unseren Mitarbeitern aus Donezk, erwartet. Für die beiden ist es wie Urlaub: es herrscht Alltag in Dnjepropetrowsk, Menschen sind auf der Straße, Kinder spielen draußen. Der Krieg, wie er in Donezk, ihrer Heimatstadt herrscht, ist weit weg. Die inner-ukrainische Krise ist dennoch das alles beherrschende Thema. Nathan Sharansky, Chef der Jewish Agency, hat uns zu einem Gespräch mit jungen Erwachsenen eingeladen, um ihre Situation als Juden in der gegenwärtigen Lage zu diskutieren. Sein Fazit: das Positive der Krise ist, dass die Anzahl der Ausreisenden signifikant steigt.

Wir besuchen ein kommunales Flüchtlingsheim, erste Anlaufstelle für die Menschen aus den Regionen Lugansk und Donezk. Hier werden diejenigen, die wirklich nur mit einer Tasche geflohen sind, mit dem Allernötigsten versorgt: Geschirr, Brot, Kleider, Schuhe. Die Stimmung ist bedrückend, das Haus hat einfachsten Standard. Jeden Tag kommen 150-300 neue Flüchtlinge aus den östlichen Regionen, werden registriert, können einige Tage bleiben und werden dann an andere Stellen weiter geschickt. Draußen steht ein beheiztes Armeezelt, in dem sich die Flüchtlinge bei kaltem Wetter aufwärmen können.

Begegnung mit Überlebenden der Shoah
Begegnung mit Überlebenden der Shoah

Die Lage im Osten ist auch Gesprächsthema mit dem deutschen Konsul, dem wir auf der Eröffnung einer Ausstellung im Holocaust-Museum anlässlich des 73. Jahrestages von Babi Jar begegnen. Er musste seinen eigentlichen Dienstsitz aus Donezk nach Dnjepropetrowsk verlegen. Abends lädt er uns zu einem Konzert des Berliner Streichquartetts und anschließendem eleganten Empfang ein.

Aufnahmezentrum
Aufnahmezentrum

Am nächsten Tag besuchen wir „Majak“, ein von Ebenezer mitfinanziertes Haus für jüdische Flüchtlinge außerhalb der Stadt. Auf dem Gelände eines Ferienparks sind Zimmer zur Unterbringung angemietet. Die Atmosphäre ist ordentlich, friedlich und freundlich. Die meisten Flüchtlinge sind vor den Jüdischen Feiertagen Rosh Hashana (jüd. Neujahr) und Sukkot (Laubhüttenfest) ausgereist. Nur noch wenige warten momentan auf ihre Flüge. Wir haben Zeit, mit der über 80-jährigen S. und ihrem Sohn zu sprechen. Ihm sieht man die Last, die er trägt, um seine Mutter und seine kranke Frau in Sicherheit zu bringen, förmlich an. Nur seine gerade aus dem Krankenhaus entlassene Frau kann nochmals in ihre Heimatstadt zurück, um das Wichtigste aus der Wohnung zu holen. Wenn er fahren würde, wäre die Gefahr zu groß, dass die Separatisten ihn festhalten…

„Vor 70 Jahren haben die Russen uns geholfen, als die Deutschen kamen, heute helfen uns die Deutschen, wo die Russen gekommen sind“. Der Vergleich zur Situation vor 70 Jahren wird erschreckend schnell herangezogen…

Hier im Zentrum wird in Kürze ein Kinderprogramm stattfinden, das den Kindern ihre jüdische Herkunft und Zukunft vermittelt. Oksana, unsere Mitarbeiterin, ist selbst aus Donezk geflohen. Auf dem Rückweg in die Stadt passieren wir eine Straßensperre der ukrainischen Armee. Ein Hinweisschild an der Straße mit der Aufschrift „Donezk“ ist mit schwarzen Strichen übermalt.

Ich war nur vier Tage in der Ukraine, aber die Begegnungen waren so vielschichtig und intensiv, dass es sich anfühlt wie eine ganze Woche. Jede Situation, jede Begegnung war wie ein Puzzleteil, das sich nahtlos an das nächste fügt. Jedes Teil für sich ist unscheinbar, aber zusammen wird es ein Bild, ein Ganzes. In der gegenwärtigen Lage kann man nur hoffen, beten und vertrauen, dass die Juden nicht noch länger warten, sondern so schnell wie möglich nach Israel gehen. Hoffnung auf eine positive Wendung in der Ukraine hat kaum einer.

Kurz nach Mitternacht erlebe ich mit den Ausreisenden zusammen die Ankunft in Tel Aviv. Am Ausgang des Flugzeugs nimmt eine Mitarbeiterin der Jewish Agency mit einem Schild die Olim in Empfang. Der erste Schritt, die Ausreise, ist geschafft. Sie sind im Land der Väter… Meine Reise geht nach einigen Stunden des Wartens auf dem fast menschenleeren Flughafen wieder nach Hause.

Die Puzzleteile, die ich mitnehme, sind das Wissen, dass GOTT alles zusammenfügt, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und dass ER sein Volk nach Hause bringt. Oftmals braucht es schwierige Situationen, damit am Ende ein positives Ergebnis hervorkommt.