Ukraine – Weihnachten 1942

Karl Epstein, Weihnachten 1942

Karl Epstein, Leiter der jüdischen Gemeinde Uman/Ukraine, ist so dankbar für die Hilfe von Ebenezer, gerade jetzt in schwierigen Zeiten. Pjotr und Valja sind mit ihm regelmäßig im Kontakt. Seine Lebensgeschichte bewegt auch uns. Sie erschien auf Deutsch unter dem Titel Weihnachten 1942, im Hartung-Gorre-Verlag, 2011.

Karl Epstein und sein Buch "Weihnachten 1942"
Karl Epstein und sein Buch „Weihnachten 1942“

Geboren wurde Karl Iosifowitsch Epstein 1930 in Krementschuk bei Kiew. Der Vater, polnischer Jude und Kommunist, wurde der Spionage verdächtigt, folglich bei stalinistischen Säuberungen verhaftet und nach Sibirien verbannt. Er ließ seinen Sohn nicht beschneiden, was Karl später das Leben rettete. Alle Verwandten wurden 1942 bei Pogromen ermordet. Nur Karl konnte wie durch ein Wunder zweimal entkommen. Gerade einmal 12 Jahre alt, war er in der Kälte des beginnenden Winters auf sich allein gestellt. Er wurde wieder gefasst, sollte erschossen werden und wagte in seiner Verzweiflung einen weiteren Ausbruch – der ihm gelang.

Aber wohin sollte er gehen? In der gesamten Region lebten keine Juden mehr– „ausgemordet“! Trauer und Hoffnungslosigkeit raubten ihm fast die letzte Kraft. Auf seinem Gewaltmarsch Richtung Rumänien erwischten ihn die Deutschen, rissen ihm die Hosen runter und sahen, dass er nicht beschnitten war. Also schickten ihn, den 14jährigen „Wladimir Sabutjok aus Donbass“, als „Ostarbeiter“ mit anderen ukrainischen Mädchen und Jungen im November 1942 nach Berlin zu Zwangsarbeit in den Riedel-Werken. Er blieb in ständiger Alarmbereitschaft und voller Angst, sich im Schlaf mit Jiddisch sprechen zu verraten…

Die Arbeit in der Werkstatt fiel ihm nicht schwer. Die deutschen Kollegen waren kameradschaftlich. Zu seiner Überraschung lud „sein Deutscher“ ihn für zwei Tage zum Weihnachtsfest zu sich nach Hause ein. Er lieh ihm gute Kleidung, nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm mitten durch Berlin, am helllichten Tag! Karl wusste nicht, wie ihm geschah.

In der Wohnung angekommen, tauchte er ein in eine Märchenwelt: ein Badezimmer mit fließendem Wasser, eine Toilette – nicht nur ein Loch im Boden, und dann die Weihnachtsdekoration und die köstlichen Speisen! So saß Karl gerade zwei Monate nach seiner Flucht vor den deutschen Mördern hier in der Wohnung eines deutschen Arbeiters und versuchte zu verstehen, warum die Deutschen die Juden ausrotten wollten…

Ein deutscher Offizier, der Sohn der Familie, kam gegen Abend. Während Karl die Enkelkinder „seines Deutschen“ beobachtete, musste er ununterbrochen an seine 15jährige Schwester und die 4jährige Cousine sowie an unzählige jüdische Kinder seiner Heimat denken. Die Deutschen verweigerten ihnen das Recht auf Leben. Und hier erhielten deutsche Kinder Geschenke vom Weihnachtsmann, selbst Karl bekam eine Jacke. Alle waren so freundlich zu ihm, sie wollten gern ein Lächeln von ihm erhaschen. Nein, er konnte nicht lächeln – das hatten ihm Deutsche ausgetrieben.

1942, ein deutsches Weihnachtsfest ohne GOTT. Er blieb Zwangsarbeiter bis 1945. Bei der Befreiung Berlins durch die Rote Armee wog er als 15jähriger nur noch 24 kg. Um ins russische Militär zu kommen, machte er sich vier Jahre älter. Nach intensiver Suche fand er 1952 seinem Vater wieder, der 18 Jahre Haft in Sibirien überlebt hatte.

In Uman als Maschinenbauingenieur angestellt, heiratete Karl und bekam drei Söhne, die heute mit Enkeln und Urenkeln in Vancouver und Chicago leben. Pjotr und Valja wissen, dass er nach drei Herzinfarkten spürt, wie begrenzt seine Zeit auf dieser Erde ist. Möge er Erlösung auf seiner letzten Wegstrecke zum Herzen GOTTES finden.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. (Hiob 19,25)