Besuche zum 70. Jahrestag des Endes der deutschen Blockade von Leningrad

Christen aus Deutschland besuchten Überlebende des Holocaust und der deutschen Blockade in St. Petersburg

Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind, und die zerschlagenen Geistes sind, rettet er. (Ps 34,19)

Um betend und segnend am 70. Jahrestag des Endes dieser Blockade, dem 27. Januar 2014,  bei den Menschen in St. Petersburg zu sein, machte eine kleine deutsche Gruppe von Ebenezer Besuche bei Überlebenden. Drei Generationen waren in der Gruppe vertreten: Tochter (11 ), Mutter (41) und Großmutter (71). Die Woche war ausgefüllt mit vielen persönlichen Begegnungen in den Wohnungen und auf großen und kleinen Gedenkfeiern oder -konzerten. Ob Jung oder Alt, alle waren bewegt, dass wir zu ihnen im Winter in diesen bedeutsamen Tagen kamen. Mit großer Betroffenheit teilten wir ihren Schmerz über die furchtbaren Verbrechen unseres deutschen Volkes.

St. Petersburg – Petrograd – Leningrad

St. Petersburg ist die zweitgrößte Stadt Russlands mit 5 Mio. Einwohnern und einem pulsierenden kulturellen und wissenschaftlichen Leben. Die historische Innenstadt mit 2.300 Palästen, Prunkbauten und Schlössern ist Weltkulturwerbe der UNESCO Gegründet 1703 von Zar Peter dem Großen (er war wirklich 2,05 m groß!), sollte die Stadt das Bollwerk gegen die Schweden und – durch den Zugang zur Ostsee – das Fenster nach Europa werden. Bei den Bauvorhaben im malariaverseuchten Sumpfgebiet ließen zehntausende zwangsrekrutierter Leibeigene ihr Leben. Man sagt: „Viele Paläste stehen nicht nur auf Pfählen, sondern auch auf Skeletten.“ Juden brauchten für St. Petersburg unter den Zaren eine Aufenthaltsgenehmigung. Die erste und heute noch stehende Synagoge wurde 1893 eingeweiht. Das kulturelle Leben blühte, der Luxus des Adels war unbeschreiblich. Dann fanden 1917 die Revolutionen in St. Petersburg statt, die zur Diktatur der Bolschewiken führten. Bis zur Oktoberrevolution war St. Petersburg 200 Jahre lang die Hauptstadt des Russischen Kaiserreichs. Nach dem Tod Lenins wurde Moskau Hauptstadt der Sowjetunion.

Obwohl einige Juden maßgeblich an der Oktoberrevolution 1917 beteiligt waren, lehnte der Großteil der russischen Juden den Bolschewismus ab. Die sowjetische Führung verbot schon bald religiöses und ethnisches jüdisches Leben in der Öffentlichkeit. Bereits 1922 wurden alle zionistischen Organisationen verboten. Da die Bolschewiken nicht die erhoffte Unterstützung der jüdischen religiösen Leiter bekamen, gingen sie dazu über, diese zu verfolgen. Unter der Belagerung der Wehrmacht litten die Juden genauso wie alle anderen Bewohner der Stadt. Viele dienten als Soldaten, Ärzte und Reporter in der russischen Armee. An der Front um Leningrad waren 24 jüdische Generäle und sechs Admiräle im Einsatz.

Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 belagerte die deutsche Wehrmacht die Stadt mit über 3 Mio. Einwohnern. Hitler befahl, die Stadt durch systematisches Aushungern ihrer Bewohner auszulöschen. In den ersten Tagen wurden die Lebensmittellager gezielt bombardiert. Grauenhafte Zustände herrschten gerade im Winter 1941/42, als die Temperaturen auf -40°C fielen. Brennmaterial gab es fast nicht, aber noch schlimmer war der Hunger. Eine Lebensmittelration bestand aus 125 Gramm Brot. In ihrer Not kochten die Bewohner Lederwaren aus und aßen die so gewonnene Gallerte. Sie aßen Katzen, Ratten und Blätter, kratzten Leim von den Tapeten, streckten Brot mit Sägemehl. Die sowjetischen Behörden registrierten im ersten Blockadewinter 1941/42 mehr als 1.000 Fälle von Kannibalismus. Die 900-tägige Blockade gilt als eines der schwersten Verbrechen der deutschen Wehrmacht gegen die Menschlichkeit im Zweiten Weltkrieg. Mehr als eine Million Menschen starben an Hunger, Kälte, Bomben, Krankheiten sowie bei den Kämpfen. Am 27. Januar 1944 wurde die Blockade beendet, auf den Tag genau ein Jahr vor der Befreiung von Auschwitz!

Nach dem Fall der Sowjetunion 1991 wurde Leningrad wieder in St. Petersburg umbenannt. Heute leben in der Kulturmetropole ca. 100.000 Juden.

Aus den Begegnungen – Eindrücke einer Teilnehmerin

Ekaterina ist 92 Jahre alt. Sie ist bettlägerig und wird von Maja betreut, einer Muslime aus Usbekistan, die gar nicht weiß, dass sie eine Jüdin pflegt…. Ekatarina kam als 17-Jährige ins KZ Ausschwitz, Nummer 3440. Ein Wunder, dass sie die Jahre grausamen Missbrauchs („hohe deutsche Männer… und die Hunde) überlebte. Als wir ihr erstmals im Jahr 2009 zugehört hatten, zerbrach ein Teil ihres persönlichen Traumas. Denn ein Bruder unseres Teams hatte ihre Hände in seine genommen und sie segnend angeschaut. Lächelnd und dankbar hatte sie da gesessen, als er sich vor ihr beugte mit den Worten: „Ich bin ein deutscher Mann…“. Ihr Aufschrei! Dann Weinen, Weinen, Weinen. Etwas von dem alten Fluch schwand. In die Tränen legte sie Worte der Versöhnung … Heute, 2014, hat sie körperlich abgebaut, ist fast blind. Doch mit großer Anstrengung und freudig lebhaft fordert sie uns auf, sie und alles zu fotografieren. Sie kommt zur Ruhe, als Gesang und Flöte ihr Herz mit Frieden erfüllen. Wir legen ein weißes Marzipanbrot in ihre alten Hände. Sie kostet sofort, lässt voller Genuss ein wenig im zahnlosen Mund zergehen. Mit schnellem Griff bricht sie den kleinen Laib in Stückchen – um jedem einzeln genau sein Teil zu geben. Stille im Raum. Brotbrechen – in der Gegenwart des Heiligen Geistes. Eingedenk des Hungers. Wir beten. Welch ein Abschied, Ekatarina!

Das Ehepaar Eduard und Polina kann die Wohnung hoch oben im 6. Stock wegen Gehbehinderungen nicht mehr verlassen. Eduard wurde 1930 auf dem Land geboren, seine Eltern waren wohlhabend. Kurz nach seiner Geburt wurde der Vater während der stalinistischen Säuberungen erschossen. Die Mutter floh mit ihren drei Kindern nach Leningrad. Als dort die Blockade begann, war Eduard elf Jahre alt. Das furchtbare Hungergefühl aus dieser Zeit ist immer präsent. Noch heute träumt er oft von einem riesigen Raum, der bis zur Decke mit Brot gefüllt ist. Viele Verwandte und Freunde starben. Eduard und seine Geschwister wurden über den Ladogasee nach Krasnodar am Schwarzmeer evakuiert. Doch bald kamen die deutschen Besatzer auch dort hin. Alle jungen Leute wurden zur Zwangsarbeit rekrutiert. Seine 16-jährige Schwester blieb monatelang im Keller versteckt. Eduard lebte wegen seiner Beschneidung in Angst, als Jude entdeckt zu werden. Aber er überlebte. „Es gibt einen Gott“, sagt er, „der hat mich gerettet!“ Nach Abzug der Deutschen 1944 kamen er und seine Schwester zurück nach Leningrad, wo weiterhin schlimmer Hunger herrschte. Eduard arbeitete als Metzger… Später reiste er privat als Musiker viel umher. So sehr liebt er jedoch seine Stadt St. Petersburg, dass er sie niemals verlassen möchte. Die hebräischen Lieder, die wir ihm singen, und das Geigenspiel berühren ihn sehr. Immer wieder kommen ihm die Tränen. Und dann hören wir von Eduard und Polinas Familie, von ihren acht Urenkeln und von ihrer Tochter Lena. Sie heiratete einen deutschen Studenten aus der DDR, lebt heute mit ihrer Familie in Stendal… Das Leben hat gesiegt!

Einen Abend verbringen wir bei Hillel, der jüdischen Studentenorganisation in der Chessed. Die Studenten haben Zeitzeugen der Blockade eingeladen. Manche weinen, als ein alter Mann sich erinnert: Zu Beginn der Blockade und des Hungers ist er sechs Jahre alt, lebt mit Eltern, Geschwistern und Großeltern in zwei Zimmern. Plötzlich darf er ein Zimmer nicht mehr betreten. Irgendwann versteht er, dass sein Großvater verhungert ist und dort noch drei Wochen liegt. Man nutzt die Lebensmittelkarten so lang wie nur möglich. Später nehmen sie eine arme Frau auf. Nach drei Tagen ist sie plötzlich verschwunden. Mitsamt dem kostbaren Brot und den Lebensmittelkarten der ganzen Familie für die nächsten zehn Tage. In ihrer Verzweiflung rennt seine Mutter der Diebin hinterher. Vor Schwäche bricht sie aber bald auf der Straße zusammen und stirbt. Nach und nach verhungern alle Familienangehörigen. Der 6-Jährige bleibt allein zurück. Frauen, die von der Kommandantur der Stadt beauftragt sind, in den Wohnungen nach Waisenkindern zu suchen, finden ihn und bringen ihn in ein Kinderheim. Er ist bereits so abgemagert, dass er einfach zum Sterben im Nebenraum liegengelassen wird. Als er nach 24 Stunden noch atmet, gibt man ihm etwas zu Essen und legt ihn zu einem anderen Kind ins Bett. Nach einiger Zeit spürt er, dass der Körper neben ihm kalt ist… Wir sind alle erschüttert über dieses Lebenszeugnis. Unser Gebet ist, dass der Gott Israels die Wunden heilt, dass Licht in die Dunkelheit kommt. Unsere Gruppe singt, was wir an Trost geben können, begleitet von einem schlichten Schreit- und Schleifentanz: „Osseh Schalom“, in dem der Davidsstern sich entfaltet und zum Himmel weist. Und Debora verschenkt eine bewegende Melodie auf der Geige zu „Schindlers Liste“.

Beim Verband der Überlebenden der faschistischen Ghettos und Konzentrationslager, geleitet von Pawel Rubintschik, begegnen wir Riva, einer sympathischen alten Dame, der man ihre 80 Jahre nicht ansieht. Sie kam als achtjähriges Mädchen mit ihrer Mutter ins KZ. Dort wurde ihr die Nummer 70 013 auf den linken Unterarm tätowiert. Ihre Mutter wurde schon bald umgebracht, Riva aber verschont und weiter ernährt. Der Grund dafür war, dass man sie und andere Kinder im Lager am Leben erhielt, um ihr Blut zur Transfusion für verletzte deutsche Soldaten abzuzapfen! Nicht nur 100 ml oder einen halben Liter Blut, sondern alles, was der kleine Körper hergab. Blutleere Körper lebloser Kinder wurden aufs Fließband geworfen und landeten direkt im Krematorium. Im Saal herrscht bedrückte und erschütterte Stille.

Als ich mich später mit Riva unterhalte – sie spricht ein paar Worte Deutsch – zeigt sie mir ihre Nummer auf dem Arm; sie ist noch schwach erkennbar. Ich bin erschüttert und sage ihr, wie leid es mir tut, was mein Volk ihr und ihrer Familie angetan hat. Sie schaut in meine Augen. Ich darf ihr eine weiße Rose anstecken, wir umarmen uns. Dann erzählt sie von ihrer Enkeltochter und der kleinen Urenkelin, zeigt mir Bilder auf ihrem Smartphone. Ich zeige ihr ein Foto von meiner Familie. Sie umarmt mich herzlich und dankt, dass wir gekommen sind. Ich bin erstaunt über diese Herzlichkeit, darüber, dass Riva sich am Leben erfreut und keine Bitterkeit zu spüren ist. An diesem Abend kann meine Tochter, 11, nicht einschlafen. Sie fragt plötzlich, wie viel Blut ein Mensch denn verlieren könne, ohne zu sterben. Meine Tochter hört in diesen Tagen viel Schweres, darf aber auch die uns entgegengebrachte Liebe und Versöhnung erleben und ist eingebettet in die Gebete vieler zu Hause wie auch in die Fürsorge unserer lieben Gruppe. Durch Deboras Anwesenheit verstehen die Überlebenden, dass die Erinnerung an das furchtbare Geschehen an die vierte Generation weitergegeben wird. „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.“ Der Geist GOTTES will in ihren Herzen weiterarbeiten, dass sie am Lebensabend der Versöhnung mit ihrem himmlischen VATER entgegengehen und Frieden zu ihrer letzten Reise finden.

Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und im Heiligen wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen. (Jesaja 57,15)