Buchtipp: Die Decke des Schweigens von Jobst Bittner

Titelbild Die Decke des SchweigensDieter Keucher, ehemals Pfarrer der Lutherkirche in Chemnitz und von 2004 bis 2011 Vorsitzender der GGE Deutschland, schrieb folgende Buchempfehlung über Jobst Bittners Buch Die Decke des Schweigens, die wir mit freundlicher Genehmigung der GGE aus dem Brief an die Freunde Nr. 47 wiedergeben (hier der Link zu dem Artikel: http://www.gge-online.de/files/download/FB_47_Ansicht.pdf):

Ich las das Buch von Jobst Bittner „Die Decke des Schweigens“ bis spät in die Nacht auf einmal durch, weil ich sehr schnell spürte, dass es eine tiefgreifende Relevanz besitzt.

Einige Abschnitte las ich später wieder und wieder und nahm mir gezielt Zeit zum Nachdenken. Seitdem habe ich das Buch schon manches Mal mit dem Hinweis „Pflichtlektüre“ weiter empfohlen. Der messianisch-jüdische Theologieprofessor Dr. Michael Brown, den ich im Zusammenhang der Erweckung von Pensacola kennenlernte, nennt Jobst Bittner im Vorwort „einen geistlichen Pionier mit solidem theologischen Fundament.“ Der Autor erläutert die Intention des Buches mit folgenden Worten: „Ich möchte versuchen, ein Phänomen zu beschreiben, das zwar unterschiedliche Hintergründe und Ursachen hat, aber dennoch für die Folgegenerationen der deutschen Kriegsgeneration und der Holocaustgeneration gleichermaßen gilt. Die Nachkommen beider Generationen entdecken nur langsam, wie sehr sie die Bürde ihrer Familiengeschichte mit sich getragen haben. Allmählich lernen sie, darüber zu sprechen und sorgen dafür, dass die Geschichte ihrer Familie ans Licht kommt und bearbeitet werden kann.“ (S.25/26) Die Frage nach der inneren Verwurzelung und persönlichen Identität durchzieht das Buch auf vielen Seiten. Der Inhalt hat eine signifikante seelsorgerliche Bedeutung. Das Phänomen einer „Decke des Schweigens“, die über zurückliegenden Geschehnissen in der Familie gebreitet wird, begegnet mir oft in Seelsorgegesprächen. Der eventuelle Schlüssel für wirksame Schritte der Hilfe bleibt dabei oft verborgen. Missbrauch, okkulte Verstrickungen und andere negative Ereignisse können hier eine Rolle spielen. Ein eigenes, und noch lange nicht aufgearbeitetes Kapitel stellt die ostdeutsche Geschichte mit den Aktivitäten des Staatssicherheitsdienstes dar, dessen Machenschaften bis in den westlichen Teil Deutschlands hineinreichten. Verwundert entdeckte mancher beim Nachforschen über seine Vorfahren eine „Verfärbung“ von braun zu rot. So bezeichnet ein Zeitungsartikel aus dem Jahre 1937 Chemnitz „als die Hitler am treuesten ergebene Stadt“ und in der DDR-Zeit wurde das in Karl-Marx-Stadt umbenannte Chemnitz dann zur politischen Vorzeigestadt des SED-Regimes! Jobst Bittner berichtet im ersten Kapitel seines Buches von der gründlichen Recherche zur Geschichte Tübingens und den geistlichen Schritten, die seine Gemeinde zur Aufarbeitung der Geschichte ihrer Stadt ging. Dort wurde bereits 1933 ein „ Ausschuss gegen jüdische Gräuelpropaganda“ gegründet und die Hochschule wurde zum ideologischen Wegbereiter der Endlösung der Judenfrage. Die Frage, warum die geistliche Kraft der Kirche so stark geschwunden ist und worin die geistlichen Ursachen der „Decke des Schweigens“ liegen, beantwortet Bittner mit der endgültigen Trennung der Gemeinde von ihren jüdischen Wurzeln und der Geringschätzung des Wirkens des Heiligen Geistes. „Trotz starken griechischen Einflusses und zahlreicher Angriffe und Attacken blieb die jüdische Prägung der Gemeinde bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. ungebrochen. Offensichtlich hatte sie dadurch eine einzigartige Autorität.“ (S. 63). Auf Seite 64 findet sich folgende These: „Das Christentum des 21. Jahrhunderts wird in der Auseinandersetzung mit dem Geist seiner Zeit nur Vollmacht und Autorität haben, wenn es sein jüdisches Erbe wieder neu entdeckt.“ Ein weiterer Grund von Autoritätsverlust in der Kirche war nach Meinung des Autors der zunehmende hellenistische Einfluss und das Aufkommen der Ersatztheologie. Die Auswirkungen der „Decke des Schweigens“ erläutert Bittner mit vielen Beispielen und Veranschaulichungen anhand eines Gangs durch die Bibel im Blick auf Städte, Nationen, Gemeinden, Ehen, Familien, Vorfahren und das persönliche Leben und beschließt das dritte Kapitel mit seelsorgerlichen Ratschlägen. Nun kommt er in den beiden folgenden Kapiteln zu den schweigenden Generationen der Opfer und Täter und den nachfolgenden Generationen. Die erschütternden Erlebnisse und tief bewegende Lebensveränderungen durch das Aufdecken der „Decke des Schweigens“ berühren den Leser und fordern zum persönlichen Innehalten auf. Man muss sie einfach selbst lesen. In die Darlegungen fließen erhellende Ergebnisse der neueren psychologischen Forschungen über generationenübergreifende Auswirkungen schwerer Erlebnisse ein. Sie ermöglichen durch entsprechende Hinweise eine intensive Weiterarbeit an den Themen für den interessierten Leser. Zwei Zitate lassen das innere Engagement des Autors besonders deutlich werden: „Die meisten Familien in Deutschland leben bis heute unter einem Schatten der Vergangenheit. Wie die German Angst scheint das Schweigen zu ihrem Erbe zu gehören, das sie bis heute nicht los geworden sind. (S.151/152).“ … „Jeder, der sich mit der Schuld der Väter nicht auseinandersetzt, ist ernsthaft gefährdet, in den ausgetretenen und sündigen Wegen seiner Vorfahren weiterzulaufen.“ (S.200). Schritte zur Aufarbeitung, zu Buße und Bekenntnis, die Kapitel 7 entfaltet, sind von der Hoffnung getragen, dass das persönliche Leben, Familien und Gemeinden „aus ihrem Schlaf aufwachen“ und in eine neue Gebetshingabe kommen. Das abschließende Kapitel berichtet von den „Märschen des Lebens“ auf den Strecken der Todesmärsche, auf denen zum Kriegsende 250.000 Häftlinge der Konzentrationslager umkamen. Diese Todesmärsche geschahen vor den Augen der Öffentlichkeit. Das Zeugnis einer Überlebenden, Rose Price, lesen wir auf Seite 263: „Mein Herz war durch meine Erfahrungen in den Konzentrationslagern so verschlossen und hart geworden, dass ich, seit ich in Dachau war, nie wieder geweint habe … Ich sah vor meinen Augen, wie mein Herz in sechs Millionen Stücke zerbrach und von der liebevollen Hand Jeschuas wieder zusammengefügt und geheilt wurde.“ Ich hoffe sehr, dass viele das Buch von Jobst Bittner lesen und auf diesem Wege viel Segen in das Leben von Familien und Gemeinden durch die Güte Gottes hinein kommt. Das wird auch Auswirkungen in unser Land hinein haben.
Jobst Bittner, Die Decke des Schweigens
TOS-Verlag, Tübingen 2011
ISBN 978-3981244175
320 Seiten, € 16,95.
Erhältlich im Buchhandel oder über die extra eingerichtete Webseite zum Buch: www.diedeckedesschweigens.de

Hier der Link zu einem Flyer mit dem Titelbild des Buches: Die Decke des Schweigens – Einlegeflyer.