Der „Wecker“ von Donezk

Unsere Mitarbeiter in Donezk berichteten über die gegenwärtigen Umstände in Donezk und im Osten der Ukraine

Donezk

In Donezk gibt es einen „Wecker“, der immer in der Zeit zwischen 4.30-7 Uhr morgens „klingelt“. Ja, genauso nennen die Menschen hier den morgendlichen Beschuss. Was die Explosionen in den verschiedenen Stadtteilen angeht, so kann man dabei sogar Gesetzmäßigkeiten erkennen – tagsüber finden sie von 14-16 Uhr statt, und abends von 20 Uhr bis 2 Uhr nachts. Die Menschen versuchen, diese von unsicherer Ruhe geprägten Stunden zu nutzen, um alle ihre Besorgungen zu erledigen, d.h. in die Geschäfte oder in eine Apotheke zu gehen. Manche haben kein fließendes Wasser im Haus, und müssen dies irgendwo auftreiben.

Mit Klebeband verklebtes Fenster in Donezk
Mit Klebeband verklebtes Fenster in Donezk

Darüber hinaus gibt es noch Menschen, die aus den sich unter Beschuss befindenden Außenbezirken in die Innenstadt geflohen sind um in Luftschutzräumen zu übernachten, aber noch regelmäßig an den Stadtrand zu reisen, um ihre Hunde und Katzen zu füttern, und zur gleichen Zeit und nachzusehen, ob nicht auch ihr Haus bombardiert und ausgeraubt wurde. Um sich von den Splittern der zerbrochenen Fenster zu schützen, kleben die Menschen Papier in Form von Andreaskreuzen über die Fenster, wie auch während des Krieges 1941, und stellen Ikonen in die Fenster.

Die Leute sagen, dass es ein Paradox sei, dass es so aussehe, als erlebten die Menschen eine größere Freude als zu Friedenszeiten: Es gibt kein Wasser, dann wird wieder Wasser angeschlossen, und die Menschen freuen sich! Es gibt kein Gas, keinen Strom, dann wird er wieder angeschlossen, und die Menschen freuen sich! Man kommt wohlbehalten von der Arbeit nach Hause, und freut sich darüber! Man hat Arbeit und freut sich!

Schutzraum in Donezk
Schutzraum in Donezk

Die Energieversorgung ist wegen dem Beschuss ständig unterbrochen. Es wird gezielt auf die Knotenpunkte für Energie- und Gasversorgung geschossen. Kommunale Arbeitsbrigaden reparieren sie jeden Tag. Niemand weiß, wie viele Menschen aus Donezk ausgereist sind. Die Stadtverwaltung versucht, eine Antwort darauf zu geben, in dem sie das Volumen des abgeholten Mülls berechnet. Dieser hat sich um 12% verringert, das ist nicht so sehr viel. Ja, es gibt noch Menschen in der Stadt, aber die meisten sitzen zu Hause, denn sie verstehen, dass praktisch alle Umgekommenen Leute sind, die an Haltestellen, bei Geschäften oder auf dem Fußweg von Splittern getroffen wurden. Die Zahl der Geschäfte hat sich verringert, genauso wie auch deren Warensortimente. Das günstige Sonnenblumenöl ist verschwunden, es gibt nur noch wenige Milchprodukte. Es herrscht der Eindruck, dass die Supermärkte ihre letzten Reserven aus den Lagern verkaufen. Im Lugansker Gebiet, unweit der russischen Grenze sind bereits die Lebensmittel in den Geschäften ausgegangen, dass nur noch Zucker in Säcken zu 50 kg verkauft wird. Binnen kurzem veränderte sich die Situation dort radikal – es sind nun schon drei Wochen, seitdem die Stadt vollständig vom Mobilfunknetz abgeschnitten ist, und wir wissen nicht, was dort vor sich geht.

Die Lage mit den Apotheken in Donezk ist noch schlimmer – die Apotheken in unserer Nähe haben schon lange geschlossen. Nur im Internet kann man noch eine Liste der noch arbeitenden Apotheken finden.

Plakate in Donezk 1918-1941-2014
Plakate in Donezk 1918-1941-2014

Die Leute haben sich an die Panzer auf den Straßen und an die bewaffneten Menschen in den Geschäften gewöhnt. Überall hängen Plakate mit dem Aufruf, sich den Reihen der Separatisten anzuschließen. Die Parole lautet: „Volk, rettet Euer Land, wie Ihr das schon zur Zeit der Revolution und des Bürgerkrieges 1917-1918 tatet, zur Zeit des Krieges 1941 und, entsprechend, im Krieg von 2014″.

Christen

Hier in Donezk ist es jetzt sehr gefährlich, Mitglied einer nicht-orthodoxen Kirche zu sein. Das Gebäude unserer Gemeinde wurde am 13. August von den Separatisten zwangsweise besetzt. Bis zum letzten Moment fanden in der Gemeinde Gottesdienste statt, arbeitete das Josefslager, in dem jeder Notleidende Lebensmittel und Kleidung erhalten konnte, in dem es eine Suppenküche für Hungernde gab. Jetzt herrschen dort bewaffnete Leute. Aber der HERR sieht alles!

Jetzt treffen sich die Gläubigen aus unserer Gemeinde, die nicht aus der Stadt geflohen sind, zu Hause.  Viele fragen: Warum seid Ihr noch hier? Die Antwort ist sehr einfach: Wir haben viel gebetet, und GOTT hat uns nicht gesagt, das wir wegziehen sollen… Es ist möglich, dass ER uns hier gebrauchen möchte. Und bis jetzt trifft sich noch unser Hauskreis, und wir beten viel. Liebe Beter, danke für all Eure Gebetsunterstützung!

Die Situation der Juden

Der Großteil der Juden ist längst aus Donezk ausgereist.  Vielen  Familien hat die Jüdische Gemeinde Donezk bei der Ausreise geholfen, indem sie (u.a. mit Spenden von Ebenezer-Hamburg) übergangsweise für die Leute Pensionate und Sanatorien mietete. In Donezk sind im Grunde nur alte und alleinstehende, nicht reisefähige Juden zurückgeblieben, die niemandem zur Last fallen wollen und entschieden hatten, in ihren Wohnungen zu bleiben.

Ältere Jüdin in Donezk
Ältere Jüdin in Donezk

Die Chessed (Hebräisch für „Barmherzigkeit“, Name der jüdischen Sozialstation) weiß, dass wir in Donezk sind und bereit sind, den zurückgebliebenen Juden zu helfen. Noch ist die Situation auszuhalten. Die Chessed in Donezk hatte im Vorfeld, bereits zu Anfang Juli, ihren Schützlingen auf ihre Karten Geld für Lebensmittel überwiesen und die Leute mit Medikamenten versorgt. GOTT sei Dank, in den großen Supermärkten kann man noch bargeldlos bezahlen, mit Kennkarten.

In den vergangenen 30 Jahren gab es oft Situationen in der Ukraine, in denen Lebensmittel in katastrophalem Ausmaß nicht ausreichten. In Donezk leben Juden, besonders ältere, die anfingen, Lebensmittel zu horten, bereits seit dem Frühjahr. Dies betrifft Buchweizen, Zucker, Konserven, und die Menschen in der Ukraine legen immer noch für den Winter Gemüse ein. Für ein-zwei Monate kann das gut reichen, vor Hunger wird keiner sterben.

Achtung!

Menschen, die aus Donezk weggezogen sind, hatten gedacht, dass nach 2-3 Wochen, spätestens nach einem Monat, alles in der Ukraine zu Ende käme und Friede herrschen würde. Die Mehrheit ist an die Küste des Asowschen Meeres gefahren. Die Hessed und die Synagoge hat sie nach Sedowo, Mariupol, Melekino, Berdjansk ausgefahren. Die Leute sind ans Meer gefahren, als es sehr heiß war, bis zu +40ºC. Niemand nahm warme Kleidung mit. Aber schon jetzt hat sich das Wetter geändert. Abends und nachts ist es kalt. Natürlich fährt niemand nach Donezk zurück, da der Weg gefährlich ist. Besonders nachdem eine Flüchtlingskolonne im Lugansker Gebiet beschossen wurde, dort sind Menschen in Bussen und PKWs lebendig verbrannt.

Buchstäblich gestern, am 27. August, haben russische Streitkräfte den Ort Nowoasowsk eingenommen – 40 km von Mariupol entfernt. Die Leitung und die Mitarbeiter der Donezker Hessed befinden sich jetzt in Mariupol. Alle sind in Panik, wissen nicht, wohin sie fliehen sollen und wohin sie die Leute von der Küste, die sie abholen müssen, bringen sollen. In diesem Zusammenhang kam uns der Bibelvers aus 5. Mose 28,65: „Und unter jenen Nationen wirst du nicht ruhig wohnen, und deine Fußsohle wird keinen Rastplatz finden. Und der HERR wird dir dort ein zitterndes Herz geben, erlöschende Augen und eine verzagende Seele.“ (ELB)

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser Meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr Mir getan. (Matthäus 25:40)