„Verlorene“ Menschen?

„Verlorene“ Menschen? – Persönliche Eindrücke aus dem Bürgerkriegsgebiet in der Ostukraine

Schalom allen!

Jeden Tag bei der Arbeit oder einfach auf der Straße treffe ich Donbass-Bewohner. Der Zustand der Menschen lässt sich mit einem Wort beschreiben – es sind verlorene Menschen. Es ist, wie wenn ein Wind weht und alles infolge vergeht – Arbeit, Wohnung, Studium, einfach alles ist plötzlich weg. Im Prinzip ist dies das Muster unserer ganzen menschlichen Existenz auf Erden. Wo ist jetzt der Pathos und die Ehre der vielen Reichen von Donezk geblieben? Wie sagte einer von ihnen auf die gesamte Donbass-Region bezogen: Wir erleben die Zerstörung von sieben Millionen menschlichen Existenzen. Plötzlich sind die Bewohner einer 2-Zimmer-Wohnung in einer „Chruschtschwoka“, eines typischen fünfstöckigen, während der Herrschaft Chruschtschows erbauten Mehrfamilienhauses und die Eigentümer eines luxuriösen Eigenheims ebenbürtig, denn alle mussten ihr Zuhause in Donezk verlassen. Viele sagen das gleiche: Ich fange an alles neu zu bewerten. Die Menschen verstehen plötzlich, wie bedingt, zeitlich und schwierig unsere materielle Existenz ist: Innerhalb von drei Monate haben viele ihre Geschäft, ihre Karriere, ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Immobilien, einfach alles, verloren. Und plötzlich steht man mit einem Koffer, mit fünf weiteren Personen, die mit einem evakuiert wurden, zusammen in einem Zimmer, das man für irres Geld mietet muss, ohne Winterkleidung, und man denkt sich: wie soll es jetzt bitteschön weitergehen? Und plötzlich fragt sich der Mensch: Wer bin ich? Und stellt fest: Ich – das ist der Verstand, die Seele, die Gedanken, die eigene Familie und Freunde, aber nicht das Materielle, das dort zurückgeblieben ist.

Übrigens, etwas über Freunde: Diese Situation hat offenbart, wer die wahren Freunde sind. Diese Erkenntnis kommt wie immer sehr unerwartet.  Sorge, Hilfe, Verständnis erhält man zum Teil von Menschen, die man kaum kennt, oder von Bekannten, die man lange nicht mehr gesehen oder von denen man lange nichts gehört mehr hatte. Und umgekehrt bekommt man von Freunden, von denen man jede Unterstützung erwartet hätte, rein gar nichts.

Die Erfahrungen mit den Mitmenschen lassen sich sowohl auf der Positiv-, als auch auf der Negativseite beschreiben. Auf der Negativseite erlebt man:

–          Religiöse Leiter, die ihre Gemeinden verlassen, obwohl sie vorher so schöne Worte fanden, so schön gepredigt hatten;

–          Menschen, die man für gute Freunde hielt, die vielleicht in anderen Ländern und Städten leben, die einen während eines halben Jahres Bürgerkrieg nicht an einmal anrufen, um sich zu erkundigen, wie es einem geht; es stellt sich auf diese Weise heraus, dass es ihnen egal ist;

–          Verschiedene Projektleiter und Leiter von Organisationen, die zufrieden mit dem Abschluss ihres Hilfsprojektes sind, ohne das weitere Schicksal der betroffenen Menschen ausreichend zu bedenken;

–          Immobilienbesitzer, die an Flüchtlinge nicht vermieten, da sie diese als „Problemkategorie“ betrachten, denen es erst ab einem hohen Betrag nicht mehr wichtig ist, wo man her kommt;

–          Mitmenschen in den umliegenden Städten, die vor zwei Monaten selbst noch Flüchtlinge waren, und nun die neuen Flüchtlinge ausnutzen.

Solche Beispiele könnte man endlos fortsetzen. Es gibt aber auch eine Vielzahl von gegenteiligen Beispielen von Menschen:

–          Die kostenlos Flüchtlinge in ihrer eigenen Wohnung aufnehmen;

–          Die einem unbekannterweise Hilfe anbieten und einen anrufen um zu fragen, wie es einem geht;

–          Mit denen man sich zerstritten hatte, oder von denen man lange nichts mehr gehört hatte, die anrufen und einem sagen, komm‘, lass uns das Vergangene vergessen, es ist Krieg, wie kann ich dir jetzt helfen?

–          Die als Mitarbeiter oder Freiwillige für Hilfsorganisationen arbeiten, die den Menschen buchstäblich aus dem Feuer heraushelfen;

–          Die als geistliche Leiter bis zum Ende bei ihren Gemeinden bleiben, auch wenn dieses Ende kein Ende nehmen will.

Es ist sinnlos ist, die Situation weiter zu beschreiben, denn man kann nicht wirklich darlegen, wie im Krieg alle menschlichen Charaktereigenschaften zutage treten. Der Krieg jedoch geht weiter. In Donezk gibt es täglich zig Tote und Verwundete. Der Beschuss trifft die ganze Stadt. Es gibt viel Zerstörung. Fast jeder Bewohner von Donezk kann eine Mine von einem Projektil unterscheiden, einen Raketenwerfer von einer Haubitze usw.  Und jeder hat Bekannte, die umgekommen oder verletzt sind, deren Fahrzeug beschlagnahmt wurde, deren Haus von einem Geschoss getroffen wurde. In fast jeder Familie wurde die Hälfte zu Flüchtlingen. Und ein Ende des Ganzen ist nicht in Sicht. Und im Donbass geht die Liste der Getöteten und Verwundeten schon in die Tausende, viele kleine Städte sind zerschunden, zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg gibt es in Europa wieder Gefechte mit Panzern, Flugzeugen, Artillerie. Wer hätte gedacht, dass der erste europäische Krieg nach dem 2. Weltkrieg kaum verhohlen ein russisch-ukrainischer Krieg sein würde? Noch zu Anfang des Jahres hätte dies wie ein Witz geklungen, aber jetzt…

Trotz allem – oder gerade deswegen – ergeht von hier der hebräische Gruß „Schalom – Schabbat Schalom“. Wie heißt es so schön in der jüdischen Tradition, „der Beginn des Schabbat und die Ankunft des Messias sind unabwendbar.“

(Persönliche Eindrücke eines Ebenezer-Partners in der Ostukraine, Ende August 2014)