Helfen

9. November – ein Abend des Gedenkens und der Hoffnung
Faszinierende Klänge auf dem Schofar
Bereits im vergangenen Jahr erfüllte der Klang des Schofars die Räume von Ebenezer – und berührte die Herzen der Zuhörer. Es war uns eine besondere Freude, den israelischen Musiker Bar Zemach bei uns im Kontorhaus Messberg begrüßen zu dürfen.



Mit seiner eindrucksvollen Art, das Schofar zum Klingen zu bringen, öffnete Bar einen besonderen Zugang zum Herzen des jüdischen Volkes. Sehnsuchtsvolle, teils kämpferische, dann wieder hoffnungsvoll klingende Töne nahmen die Zuhörer mit in ein stilles Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938.
Ein bewegender Augenzeugenbericht der damals in Berlin lebenden 8-jährigen Regina Steinitz wurde vorgelesen und machte das unfassbare Geschehen jener Nacht auf eindringliche Weise lebendig:
»Eines Tages, es muss der 9. November 1938 gewesen sein, klopfte unsere Nachbarin an unsere Tür und was sie sagte, klingt mir noch heute in den Ohren: »Die stecken überall in Berlin die Synagogen in Brand. Und die Schaufenster der jüdischen Geschäfte werden eingeschlagen, es wird geplündert.« Mit »die« waren die Nazis gemeint, das war klar. Meine Mutter war zu krank, sie ging kaum noch auf die Straße, aber meine Brüder sagten sofort: »Wenn sie die Synagogen abbrennen, muss man die Thorarollen retten.« Meine Brüder liefen also los und ich hinterher, ich machte immer alles nach, was sie taten. Nebenan, in der schmalen Gasse, die Kleine Auguststraße heißt, brannte die Synagoge von Ahawas Scholaum, da überlegte man nicht lange, viele jüdische Leute löschten schon mit Kleidern und Jacken. Andere waren dabei, Bücher aus dieser brennenden Synagoge zu schleppen, viele waren angesengt, Gebetsbücher wie sie immer unter den Pulten lagen, Siddur und Machsor, Gebete für den Alltag und für die Festtage und für den Sabbat. Meine Brüder beteiligten sich an dieser Rettungsaktion und plötzlich waren da stapelweise diese angebrannten Bücher. Wohin damit? Auf der Straße war ja auch der Mob, der die Synagoge in Brand gesetzt hatte. Da schleppten sie die Bücher in unsere Wohnung. Weil meine Neugier größer war als meine Angst, lief ich plötzlich allein zur Rosenthaler Straße, bis zum Hackeschen Markt, schaute mir die jüdischen Geschäfte mit den zerschlagenen Scheiben an. Davor auf der Straße lagen Kleider, zerschlagenes Geschirr, Menschen liefen in die Geschäfte, warfen etwas hinaus, andere fingen das auf, rafften ihre Beute zusammen. Es war ein grauenhafter Anblick, die Leute waren außer Rand und Band in ihrer Gier.«

Doch der Abend blieb nicht im Schmerz der Erinnerung stehen.
Einfühlsam wurde der Zuhörer musikalisch vom Gedenken zur Hoffnung geführt – Hoffnung auf eine gute Zukunft für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger hier in Deutschland. Symbol dafür ist die geplante Wiedererrichtung der Bornplatzsynagoge am gleichen Platz im Grindel, die 1938 zerstört wurde.
87 Jahre nach dem Beginn von Entrechtung, Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa darf das „Nie wieder“ keine leere Floskel sein. Es ist ein Auftrag – an uns alle.


_____________________________________________________________________________________
Das Gedicht von Zwi Steinitz (1926, Polen – 2019, Israel), kurz vor seinem Tod geschrieben, unterstrich an diesem Abend, wie wichtig es bleibt, fest an der Seite von Juden und Israel zu stehen – Mensch zu bleiben, ohne Gedanken der Rache, im Vertrauen darauf, dass Gott das letzte Urteil spricht:
Mensch zu sein mein Innigster Wunsch
Quelle: Zwi Steinitz
Was ich gesehen habe Wünsche ich niemanden.
Kann nicht vergessen. Ihren Aufschrei, die tödlichen Salven höre ich noch heute!
Mit diesen Erinnerungen leben, Der Preis für mein Überleben
Meine Pflicht für sie zu sprechen, Was ich gehört und gesehen habe.
Mein Herz, bebt vor Schmerz Augenzeuge dieser Tragödien,
Es fällt mir nicht leicht, Berichten meine Pflicht!
Das Schicksal mir bestimmt. Niemals vergessen, mahnen!
Mensch zu sein!
Wo ich auch war, Wohin das Schicksal, Mich geworfen,
Niemals vergessen ein Mensch zu sein
Das Vorbild meiner Eltern Immer vor Augen gehabt!
Mensch zu sein.
Habe die Hölle überlebt Dank meiner Eltern,
Mensch geblieben.
Nicht an Rache gedacht Keinen Hass empfunden!
Mensch zu sein mein
Innigster Wunsch
Was ich gesehen habe
Wünsche ich niemanden.
Kann nicht vergessen.
Ihren Aufschrei,
die tödlichen Salven
höre ich noch heute!
Mit diesen Erinnerungen leben,
Der Preis für mein Überleben
Meine Pflicht für sie zu sprechen,
Was ich gehört und gesehen habe.
Mein Herz, bebt vor Schmerz
Augenzeuge dieser Tragödien,
Es fällt mir nicht leicht,
Berichten meine Pflicht!
Das Schicksal mir bestimmt.
Niemals vergessen, mahnen!
Mensch zu sein!
Die Gräueltaten des 7. Oktober 2023 lassen schmerzliche Erinnerungen wach werden und zeigen die Aktualität und Dringlichkeit, für und mit Israel zu stehen. Umso eindrücklicher erklangen während des Konzerts die Worte aus Psalm 43, auf Hebräisch gelesen von Bar Zemach und auf Deutsch vorgetragen:
„… Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich leiten …
Was bist du so aufgelöst, meine Seele?
Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen.“
Dieses Gebet schließt mit der festen Zuversicht auf Gottes Eingreifen.
Im Anschluss hatten alle Gäste die Möglichkeit, Segenswünsche für Juden und Israel aufzuschreiben und an einen Davidsstern zu befestigen – ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit.
Seinen bewegenden Abschluss fand der Abend mit der eindrucksvollen Interpretation der israelischen Nationalhymne, der Hatikva, auf dem Schofar, die in gemeinsamen Gesang mündete. Zurück blieb die Gewissheit einer hoffnungsvollen Zukunft, die Gott seinem auserwählten Volk verheißen hat.

