Helfen

Alijah aus Deutschland
Svitlana und Igors Weg nach Israel
Wir ziehen jetzt aus Deutschland weg, wo wir 20 Jahre gelebt haben. Als wir noch in der Ukraine waren, hatte uns ein Freund zur Auswanderung nach Brandenburg geraten. In Deutschland gibt es inzwischen so viel Hass, und abends fühlt man sich unsicher. Es ist gefährlich, einen Davidstern zu tragen oder eine Tasche mit israelischen Symbolen. Bei Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinde, der mein Mann angehört, wurden wir von der Polizei geschützt. Früher war das nicht so. – Wir hätten direkt nach Israel gehen sollen.
In der Ukraine vor 40 Jahren waren unsere Kinder regelmäßig als „Juden“ beschimpft worden. Doch sie wussten, dass man über Menschen so nicht sprechen darf. Die Großeltern, unsere Eltern, waren ihre Vorbilder. Sie hatten den Zweiten Weltkrieg durchlebt – von Semipalatinsk, heute Semey/Kasachstan, bis nach Berlin am Tag des Sieges 1945. Opa Jewgeni, Kriegsinvalide, wurde später als Verdienter Künstler der UdSSR ausgezeichnet.
Unsere Kinder lernten in der jüdischen Schule Hebräisch und die Geschichte Israels. Viele Freunde fragten: „Wozu braucht ihr das? Gibt es keine ukrainischen Schulen?“ Sie wurden schnell erwachsen. An Umzug dachten wir damals noch nicht.
2014 gewann eine unserer Enkelinnen eine Israelreise. Wir begleiteten sie. Dort lebte bereits die Familie unseres Sohnes. Auf einer Gruppenreise durch das außergewöhnliche Land veränderte sich unsere Wahrnehmung vollständig. Wie konnte man in der Wüste einen solchen Staat aufbauen? Unsere Enkelin sagte: „Wir müssen Alijah machen – in diesem Land kann man leben!“
2018 machten alle unsere Kinder mit ihren Familien Alijah. Es geht ihnen gut: Einige arbeiten schon, andere studieren am Technion – Israel Institute of Technology. Eine Enkelin hat bereits die Polizeischule in Afula mit der Bestnote von 100 Punkten abgeschlossen und auch ihren Armeedienst – genau am 7. Oktober 2023 – ein schwerer Tag. Und wir waren da gerade in Israel! Ihre Einheit wurde nach Gaza verlegt. Erst als wir morgens den Fernseher einschalteten, sahen wir die schrecklichen Nachrichten. Unsere Rückflüge nach Deutschland wurden gestrichen. Also blieben wir noch einen Monat bei Kindern und Enkeln – wir mussten einfach helfen!
2023: Sofort brachten wir Wasser, Lebensmittel und Hygieneartikel zu IDF-Kontrollposten, später gesammelte humanitäre Hilfe zu Unterkünften der Flüchtlinge aus dem Gaza Grenzgebiet. Damals fassten wir den Entschluss: Wir ziehen nach Israel. Wir können noch etwas tun und helfen.
Trotz allem verlieren Svitlana und Igor nicht den Mut. „Es wird alles gut werden“, sagen sie immer wieder. Zu Purim ertönte in Akkos Straßen Musik aus Lautsprecherwagen – Aufmunterung und Trost, besonders für Kinder. Bewohner brachten Süßigkeiten in die Schutzräume mit, um dort den Sieg über das Böse zu feiern. Die Esther Geschichte endet mit Hoffnung!
PESSACH unter Raketen/ Neue Routine mit 80 Jahren
Gemeinsam erlebte die Familie den ersten Pessach-Feiertag unter außergewöhnlichen Umständen: Vom späten Abend gegen 22 Uhr bis in die frühen Morgenstunden um 8 Uhr verbrachten sie die gesamte Zeit im Schutzbunker. Die Sirenen heulten nahezu stündlich.
Trotz Müdigkeit und Erschöpfung verlieren sie nicht ihren Mut. Innerhalb von nur 30 Sekunden schaffen sie es, während eines Alarms vom vierten Stock in den Bunker zu gelangen. Inzwischen verzichten sie beim Rückweg bewusst auf den Aufzug und gehen stattdessen zu Fuß nach oben. Dieses Verhalten hat Schule gemacht: Auch Nachbarn aus höheren Etagen – etwa aus dem siebten Stock – schließen sich ihnen an. Mit einem Lächeln nennen Igor und Swetlana diese Gemeinschaft inzwischen ihre „Fitness-Gruppe“.
Sobald die Sirenen ertönen, melden sich reihum telefonisch alle Kinder und Enkelkinder, um sicherzugehen, dass sie rechtzeitig den Mamad/Schutzraum erreicht haben.
Für den heutigen Tag wurde eine Sandsturmfront angekündigt. Swetlana und Igor hoffen, dass dies zu weniger Luftalarmen führt und ihnen endlich etwas Schlaf ermöglicht. Beide sind fast 80 Jahre alt und finden ohnehin nur schwer in den Schlaf – kaum eingenickt, wird dieser meist schon wieder durch den nächsten Alarm unterbrochen.
Sie berichten, dass ihre Familie, die schon immer eng miteinander verbunden war, durch den Krieg noch stärker zusammengerückt ist. Auch mit den Nachbarn sind enge Beziehungen entstanden, da man viel gemeinsame Zeit im Bunker verbringt. Gegenseitige Unterstützung ist allgegenwärtig.
Selbst alltägliche Dinge wie Duschen oder Baden sind zur Herausforderung geworden. Svitlana und Igor haben dafür eine eigene Routine entwickelt: Auf dem Weg vom Badezimmer liegen die notwendigen Kleidungsstücke griffbereit – zunächst Wäsche, dann ein Bademantel, in dessen Tasche bereits Socken stecken, gefolgt von Hausschuhen und einer Jacke. Mehrmals mussten sie bereits direkt aus der Dusche, noch halb nass, in den Bunker eilen.
Am 12. April wird eine ihrer Enkelinnen als Reservistin bis zum 28. Mai zum Militärdienst einberufen. Eine weitere Enkelin steht bereits im aktiven Dienst.
Besonders große Sorgen bereitet ihnen eine weitere Enkelin, die im 29. Stock eines Hochhauses in Bat Jam lebt. Trotz vorhandenen Schutzraums ist die Angst vor vorbeifliegenden Raketentrümmern groß. Nach dem Krieg plant sie daher umzuziehen.
Svitlana und Igor betonen immer wieder: „Gott sei Dank, dass wir noch vor dem Krieg hierherkommen konnten. Gott sei Dank, dass unsere Kinder und Enkelkinder bei uns sind.“
Telefonisch sind sie mit unserer Mitarbeiterin Svetlana Licht gerne weiter im Gespräch und bereuen ihre Entscheidung in keiner Weise: „Wir sind zu Hause. Unsere Kinder und Enkel sind gut integriert und begleiten uns in allen neuen Lebensabschnitten. Teil einer großen und starken Familie zu sein, ist ein großes Glück.“


