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Jenny überlebte den 7. Oktober – Ein Baum für Schlomi

8. Oktober 2026 / Redaktion

Jenny überlebte den Terrorangriff auf ein Musikfestival am 7. Oktober 2023. Ihr Bruder Schlomi und seine Partnerin wurden ermordet. Im Gespräch erzählt sie von ihrer Flucht, der schmerzhaften Suche nach ihrem Bruder und der Entscheidung ihrer Familie, mitten in der Trauer ein Zeichen für das Leben zu setzen.

 

Eine unerwartete Begegnung

Jenny ist Mutter von zwei Kindern und Sozialpsychologin. Sie lebt im Norden Israels. Als sie zum ersten Mal ein Festival dieser Art besucht, entdeckt sie beim Tanzen ein vertrautes Gesicht: ihren jüngeren Bruder Schlomi. Keiner von beiden wusste, dass der andere ebenfalls kommen würde.

Die Geschwister freuen sich über das überraschende Wiedersehen. Jenny lernt Schlomis neue Partnerin kennen. Sie tanzen, reden und lachen miteinander. Es sind unbeschwerte Stunden – die letzten, die Jenny mit ihrem Bruder verbringen wird.

Drei Frauen stehen gemeinsam in einem Garten.

Als aus dem Fest eine Flucht wird

Gegen 6.20 Uhr am Morgen beginnt der Raketenbeschuss. Jenny und ihr Partner sind gerade auf dem Weg zum Auto. Zunächst halten sie die Situation für einen Raketenangriff, wie sie ihn in Israel bereits erlebt haben. Sie suchen Schutz und rechnen damit, bald nach Hause fahren zu können.

Schlomi verlässt das Gelände früh. Er möchte zu seinen beiden kleinen Söhnen, die bei ihrer Mutter sind. Dort gibt es keinen Schutzraum; bei ihm zu Hause könnten die Kinder Schutz finden.

Später ruft er Jenny an und warnt sie: Terroristen seien in die Gegend eingedrungen, die Hauptstraßen blockiert. Sie solle bleiben, wo sie ist.

Als die Angreifer das Festivalgelände erreichen, versuchen Jenny und ihr Partner mit dem Auto zu fliehen. Unterwegs nehmen sie Menschen auf, die verzweifelt um Hilfe bitten. Schließlich sitzen 15 Menschen in einem Wagen mit sieben Plätzen. Unter ihnen sind ein verletzter Mann und eine Mutter von vier Kindern, die nicht weiß, was mit ihrem Mann geschehen ist.

Die Flucht führt sie auf eine Straße, auf der sie unter Beschuss geraten. Sie müssen das Auto verlassen und zu Fuß weiterlaufen.

Fünf Stunden unter einem Baum

Nach einem ersten Versteck finden Jenny, ihr Partner und zwei weitere Menschen Zuflucht unter einem Grapefruitbaum. Seine schwer behangenen Äste reichen tief hinunter. Die vier setzen sich auf den Boden und bedecken sich mit Blättern.

Etwa fünf Stunden bleiben sie dort. Sie hören Schüsse und wissen, dass die Angreifer auch zwischen den Bäumen nach Menschen suchen. Jenny erzählt, dass Terroristen unmittelbar an ihrem Versteck vorbeigehen, ohne sie zu entdecken. Bis heute kann sie sich nicht erklären, wie das möglich war.

Immer wieder versucht sie, ihren Bruder zu erreichen. Um 8.44 Uhr hatte er ihr noch geantwortet. Auf ihre Nachricht um 9.12 Uhr kommt keine Antwort mehr.

Als ein Feuer ausbricht, müssen die vier ihr Versteck verlassen. Außerhalb der Plantage treffen sie auf israelische Polizisten, die sie aus der Gefahrenzone zu einer Polizeistation bringen.

Jenny hat überlebt. Doch ihre Gedanken sind bei Schlomi.

Sieben Tage zwischen Hoffen und Bangen

Die Familie sucht sieben Tage lang nach ihm. Nach vier Tagen erhält die Familie seiner Partnerin die Nachricht, dass deren Leichnam identifiziert wurde. Drei Tage später bekommt auch Jennys Familie die Gewissheit: Schlomi ist tot.

Besonders schwer fällt Jenny die Erinnerung an ihre Heimfahrt. Obwohl sie ihren Bruder nicht hätte retten können, fühlt sie sich, als hätte sie ihn zurückgelassen. Als große Schwester war sie seit ihrer Kindheit für ihn da gewesen. Dieses Gefühl begleitet sie bis heute.

Metallanhänger mit Davidstern und dem Datum 07.10.23 an einer Kette.

Ein Zeichen für das Leben

Einige Monate später pflanzen Jennys Eltern am Ort des Festivals einen Baum zur Erinnerung an Schlomi. Ihre Mutter blickt zum Himmel und spricht zu ihrem Sohn. Jenny gibt ihre Worte sinngemäß so wieder:

„Schau, Schlomi: Wir haben gewonnen. Dort, wo sie dich getötet haben, pflanzen wir jetzt einen Baum.“

Für Jenny liegt darin die wichtigste Botschaft ihrer Geschichte. Gewinnen bedeutet für sie, das Leben zu fördern. Einen Baum zu pflanzen, gerade an diesem Ort, wird zum Ausdruck dieser Entscheidung.

Der Baum nimmt der Familie ihren Schmerz nicht. Er gibt der Erinnerung an Schlomi einen lebendigen Platz.

Menschen mit Regenschirmen vor einem weißen Zelt in einem Garten.

Anderen helfen – und selbst Hilfe brauchen

In den ersten Monaten leidet Jenny unter Schuldgefühlen, weil sie überlebt hat. Ein späteres Gespräch mit der Mutter von vier Kindern, die in ihrem Auto mitgefahren war, verändert ihren Blick auf das Geschehen. Auch diese Frau hat ihren Mann verloren. Die Begegnung hilft Jenny, eine Aufgabe für sich zu erkennen.

Sie beteiligt sich am Aufbau eines Ortes zur Unterstützung von Familien, die am 7. Oktober Angehörige verloren haben. Ihre eigene Erfahrung schafft Nähe zu den Menschen, die sie begleitet. Dabei erlebt sie die Begegnungen als gegenseitiges Geben und Empfangen.

Doch im Interview berichtet Jenny auch, dass ihre eigenen Erinnerungen an die Lebensgefahr wieder stärker hervortreten. Lange stand der Verlust ihres Bruders im Mittelpunkt. Nun braucht sie Zeit, um auch das eigene Erleben zu verarbeiten. Deshalb entscheidet sie sich für eine Pause, um für sich und ihre Familie zu sorgen.

Die Vorstellung, Zeit allein heile alle Wunden, trifft auf ihre Trauer um Schlomi nicht zu, sagt sie.

Eine Gruppe steht im Zelt zusammen und hört einer Frau zu.

Zuhören und verbunden bleiben

Jennys Geschichte lädt uns ein, den Menschen hinter den Nachrichten zuzuhören. Die Folgen des 7. Oktober reichen weit über den Tag des Angriffs hinaus. Überlebende und Hinterbliebene brauchen Menschen, die ihre Trauer ernst nehmen und ihnen auch langfristig verbunden bleiben.

Als Freunde Israels wollen wir diese Verbundenheit leben: durch persönliche Begegnungen, aufmerksames Zuhören und unser Gebet für die Betroffenen und ihre Familien.

Der Baum für Schlomi bleibt dabei ein eindrückliches Bild: An einem Ort, an dem Menschen das Leben genommen wurde, soll wieder etwas wachsen.