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Uri Hirsch in Hamburg – eine Kindheit im Schatten der Verfolgung

4. Juli 2026 / Redaktion

Eine Woche voller Begegnungen – Warum Uri Hirsch nach Hamburg zurückkehrte

Eine intensive und bewegende Woche liegt hinter dem 88-jährigen Uri Hirsch. In den Tagen sprach er vor Schülerinnen und Schülern, beim HSV im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Davidstern und Raute“, beim Dialogforum des jungen Vereins Yolam, bei Ebenezer vor Exil-Iranern sowie in der Freien evangelischen Gemeinde Neuallermöhe. Unser Dank für die Ermöglichung dieser Begegnungen mit hauptsächlich jungen Leuten durch finanzielle Unterstützung geht an ConAct, dem Koordinierungszentrum für deutsch-israelischen Jugendaustausch. 

mit Iranern bei Ebenezer

Durch einen Artikel im Hamburger Abendblatt und in der Bergedorfer Zeitung über seinen Besuch an der Luisenschule sowie ein Interview mit der Wissenschaftsjournalistin Daniela Remus in der Radiosendung „Shabbat Shalom“ erreichte seine Botschaft weit mehr Menschen als ursprünglich erwartet.

Doch warum hat Uri Hirsch diese anstrengende Reise mit so vielen Terminen überhaupt auf sich genommen?

Besuchergruppe des Hamburger Senats

Er hätte genauso am Besuchsprogramm für ehemalige jüdische Hamburgerinnen und Hamburger teilnehmen können, das zeitgleich von der Stadt Hamburg organisiert wurde und zu dem er herzlich eingeladen war. Stattdessen entschied er sich bewusst dafür, seine Geschichte zu erzählen – besonders der jungen Generation.

Auf die Frage eines Jugendleiters, was er jungen Menschen in Deutschland mitgeben möchte, antwortete Uri:

„Die jungen Deutschen sollten so viel wie möglich über den Zweiten Weltkrieg lernen, darüber, was mit den Juden geschah. Denn je mehr sie wissen, je mehr sie anderen davon erzählen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas nicht wieder geschehen wird. Sie werden in der Lage sein, die Wahrheit zu sagen und sie zu verteidigen.“

 

Die Geschichte seiner Familie

Uri erzählt von seinem Vater David Hirsch. Dessen eigene Frau und Mutter erkannten ihn nach nur sechs Wochen im Konzentrationslager Sachsenhausen kaum wieder. Noch heute wird Uris Stimme brüchig, wenn er davon berichtet.

Nur weil bereits ein Visum für England vorlag, wurde sein Vater aus dem Konzentrationslager entlassen. 1939 gelang der Familie mit ihren vier Kindern die Flucht nach England. Uri war der Jüngste, gerade ein Jahr alt.

Die Familie Hirsch gehörte zu den alteingesessenen und angesehenen jüdischen Familien Hamburgs. Sie war eng mit der Familie des Oberrabbiners Joseph Carlebach befreundet. Doch wie unzählige andere jüdische Familien wurden sie entrechtet, gedemütigt, ihres Besitzes beraubt und schließlich aus ihrer Heimat vertrieben.

Ein Blick in die Akten

Während unseres Besuchs im Hamburger Staatsarchiv wurde Geschichte auf erschütternde Weise greifbar. Historiker hatten im Vorfeld zahlreiche Dokumente zur Familie Hirsch recherchiert und begleiteten uns durch die Akten.

Beeindruckend war die akribische Dokumentation der Hamburger Behörden während der NS-Zeit. Gleichzeitig war es kaum auszuhalten, schwarz auf weiß zu lesen, wie nach dem Krieg das Amt für Wiedergutmachung die Anträge ehemaliger jüdischer Hamburgerinnen und Hamburger prüfte – und teilweise ablehnte. Das Leid der Überlebenden und die Schuld Deutschlands lassen sich ohnehin nicht in Geld aufwiegen. Umso bedrückender wirkt es, wenn selbst die begrenzten Entschädigungsleistungen noch infrage gestellt oder verweigert wurden. Und hier saß ich mit einem Opfer der NS-Diktatur und mir fehlten die Worte.

Immer wieder musste ich Uri übersetzen, was in den Dokumenten stand. Oft kamen ihm dabei die Tränen.

Besonders bewegend war ein Dokument aus dem Februar 1939: Ein Hamburger Juwelier hatte sämtliche Wertgegenstände der Familie, die nicht sofort beschlagnahmt wurden, sorgfältig inventarisiert, in einer Kiste verpackt und versiegelt. Diese Meldung ging an die Devisenstelle (siehe Wikipedia), die dem Finanzamt unterstand und unter anderem für die Einziehung jüdischen Vermögens zuständig war – unterschrieben mit „Heil Hitler“.

Die Familie Hirsch sah ihren Besitz nie wieder.

Die Hamburger Behörden erklärten später, die Kiste sei bei Bombenangriffen im Hamburger Hafen zerstört worden. In der Familie glaubt das bis heute niemand. Zu offensichtlich war das systematische Bestreben, sich am Eigentum jüdischer Bürger zu bereichern.

Geblieben ist lediglich das, was die Familie bei ihrer Flucht in den Taschen tragen konnte. Eines der wenigen erhaltenen Erinnerungsstücke ist ein silberner Serviettenring, den Uris Mutter für jedes Familienmitglied retten konnte.

 

Hoffnung trotz allem

In seinen Vorträgen berichtet Uri den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern in gut verständlichem Englisch von seiner Familie und vom Leid seines Vaters im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Er erzählt, wie sein Vater tagelang in viel zu kleinen Schuhen über unterschiedlichste Untergründe laufen musste, bis die Schmerzen unerträglich wurden. Die SS missbrauchte Häftlinge als Testpersonen für Schuhe, die später für die Wehrmacht produziert werden sollten.

Und doch endet seine Geschichte nicht in Verzweiflung.

Sein Vater sprach zeitlebens von einem gewaltigen Wunder Gottes, das ihn aus dem Konzentrationslager befreite und seiner Familie die Flucht ermöglichte. Die Verfolgung zerstörte seinen Glauben nicht – sie vertiefte ihn. Diesen Glauben gab er an seine Kinder weiter.

Heute zählt die Familie Hirsch – ohne Schwiegerkinder – unglaubliche 831 direkte Nachkommen. Fast alle leben ihren jüdischen Glauben bewusst.

Für Uri ist das der größte Triumph über Hitler und jeden Antisemitismus:

Die Judenhasser haben nicht gesiegt. Der Gott Israels hat das letzte Wort!

 

Warum Uri erzählt

Fast überall wurde Uri gefragt, ob seine Eltern und älteren Geschwister von ihrem Leben in Hamburg gesprochen hätten.

Seine Antwort lautete stets:

„Wenig bis fast gar nichts.“

Sein inzwischen verstorbener älterer Bruder wollte nie wieder Deutsch hören oder sprechen – geschweige denn deutschen Boden betreten. Von den vier Geschwistern ist Uri der Einzige, der die Geschichte seiner Familie erforscht und nach Deutschland zurückkehrt, um davon zu erzählen.

Erinnerung sichtbar machen

Auch Daniel Sheffer, Vorsitzender der Stiftung Bornplatzsynagoge, war es ein großes Anliegen, Uri zu treffen. Als einer der letzten lebenden Zeitzeugen mit direktem Bezug zur ehemaligen Bornplatzsynagoge ist seine Geschichte von unschätzbarem Wert.

Sheffer setzt sich mit großer Leidenschaft dafür ein, dass jüdisches Leben in Hamburg wieder sichtbar wird – nicht als abstraktes Kapitel der Geschichte, sondern als lebendiger Teil der Stadtgesellschaft.

Was bleibt?

Bei allen Veranstaltungen war die Betroffenheit der Zuhörerinnen und Zuhörer spürbar. Durch Uris persönliche Erinnerungen wurde der Holocaust greifbar. Geschichte bekam ein Gesicht.

Doch Erinnerung allein genügt nicht.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Konsequenzen ziehen wir für unsere Gegenwart?

Es darf nicht selbstverständlich sein, dass Synagogen und jüdische Schulen in Deutschland rund um die Uhr von schwer bewaffneten Polizeikräften geschützt werden müssen. Uri ist tief erschüttert darüber, dass Juden – 87 Jahre nach der Flucht seiner Familie aus Hamburg – auf deutschen Straßen erneut Angst haben müssen.

Gerade deshalb organisieren wir Jugendaustauschprogramme mit Israel. Denn Vorurteile verschwinden nicht durch Schlagzeilen, sondern durch Begegnungen. Wer einander kennenlernt, baut Brücken statt Mauern.

Lasst uns gemeinsam und mit Gottes Hilfe dazu beitragen, dass jüdisches Leben in Deutschland sicher, sichtbar und selbstverständlich sein kann.